“Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg.” (Weisheit des Zen-Buddhismus)

Sehr geehrte Leserschaft,

diese Zen-Sprüche können einen ja auch manchmal wahnsinnig machen, ich weiß.

Aber an diesem Wochenende ist mir das tatsächlich so passiert: Ich war mit meinem Chor in Chorklausur. Dazu kamen wir (ca. 60 Sänger/innen) von Freitag bis Sonntag in einem zur Herberge umgebauten Kloster zusammen.

Ich fand es fast unverantwortlich von mir, dass ich mir das erlaubte, wo ich doch soviel zu tun habe. Eine Chorklausur ist auch nicht unbedingt Erholung: wir probten ca. 9 Stunden am Tag und es war stets Disziplin gefragt.

Ich habe wirklich gerade andere und „wichtigere“ Dinge zu tun, und vielleicht schaffe ich jetzt meine Projekt-Abgabe nicht. Was denke ich mir denn dabei? Anstatt das ganze Wochenende durch zu arbeiten oder wenigstens Kraft zu tanken für die kommenden Tage, singe ich bis zum Umfallen!

Doch als ich so aus dem Fenster des Turmzimmers auf die Berge am Horizont blickte, und ganz voll war mit Musik, da wurde mir klar, wie wichtig diese Umwege in meinem Leben sind.

Zweifelsohne nehme ich all meine Verpflichtungen sehr ernst. Ich treibe mich fortwährend an, doch es kommt mir vor, als würde der Berg von Aufgaben immer nur noch größer werden. Jedes erreichte Ziel ist schon das Startfeld für ein neues Spiel, es ist einfach nie genug.

Alles scheint ausbaufähig und noch nicht recht perfekt, die Ressourcen scheinen noch nicht optimal ausgenutzt zu sein – da geht bestimmt noch was, ich sollte mich darum kümmern!

Was bei dieser Jagd von einem Tag zum nächsten oft leidet ist die Herzensbildung. Sie gerät momentan ganz in Vergessenheit. Wikipedia fragt mich gleich, ob ich nicht „Herzfehlbildung“ gemeint habe, da zu „Herzensbildung“ leider kein Artikel existiert, und meine Rechtschreibprüfung ist der gleichen Meinung.

Doch.

Herzensbildung existiert. Und sie hat nichts mit political correctness zu tun. Sie war lange Zeit fester Bestandteil der Bildung. Bildung umfasste damals logisches Denken, Ausdruckskraft, Tiefe der Empfindung und Willensstärke. Heute dient Bildung nur mehr der Berufsvorbereitung.

Die Herzensbildung widmet sich z. B. dem Vertrauen, dem Taktgefühl, dem Verzeihen, der Hilfsbereitschaft und der Diskretion. Zufällig alles Dinge, die man bei der Chorarbeit sehr gut entwickeln kann, wie ich finde.

Natürlich ist es für meine Mitmenschen schön, wenn ich z. B. Hilfsbereit bin, aber es geht mir hier gar nicht um soziale Kompetenz, es geht viel mehr um die Tiefe der Empfindung. Ich sehe tagtäglich soviele abgestumpfte Menschen. Das macht mich ganz kirre.

Singen ist eine sehr emotionale Sache und wenn man dann auch noch gemeinsam Musik erzeugt, die einem vor lauter Schönheit einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt, dann rührt das ans Innerste, dann öffnet sich etwas. Eigentlich will ich gar nicht, dass sich da jetzt etwas öffnet. Ich finde, ich habe dafür keine Zeit, denn tiefe Empfindungen halten mich von der Arbeit ab. (Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Herzensbildung aus der Bildung geflogen ist…)

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen: für den Umweg, der einem mitunter zeigt, dass man Teil von etwas Größerem ist, dass man Herzensangelegenheiten nicht aufschieben soll und das die Hetzerei uns niemals dahin bringt, wo wir eigentlich hin wollen – zu uns selbst.

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

~ von Fräulein Bork - 11. April 2010.

Eine Antwort to ““Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg.” (Weisheit des Zen-Buddhismus)”

  1. wieder ein sehr schöner weiser Artikel.

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