„Über Gräben, Gräserstoppel, und entlang den Rotdornhecken, weht der Trab der scheuen Koppel, Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!“ (aus ‚Junge Pferde‘ von Paul Boldt)

Sehr geehrte Leserschaft,

„Wo sind denn die richtigen Pferde?!“ ruft der Thronfolger. Er steht mit Schmollmund vor dem Gatter mit den beiden entzückenden Eseln und dem Zwergpony.

Ich sage: „Ich dachte, wir fangen fürs Erste mit denen hier an, schau mal wie süß die sind…“

„Nein! Ich will auf einem richtigen Pferd reiten!“

Puh.

Wir sind beim Kinderreiten auf dem Reiterhof. Der Thronfolger ist im Sommer erst drei geworden und hat noch nie auf einem Pferderücken gesessen.

Unsere freundliche Nachbarin kennt sich auf dem Reiterhof bestens aus und bietet an, mit dem Thronfolger ein freundliches Pferdchen auszusuchen. Die beiden verschwinden im Getümmel und ich verhelfe mir erst mal zu Kaffee und Kuchen. Als die freundliche Nachbarin mit meinem Nachwuchs zurückkehrt seufzt sie: „Also, er hat sich eins ausgesucht. Ich wollte ihm noch andere zeigen aber er war nicht mehr davon abzubringen. Eigentlich müsste das auch alles gutgehen. Aber ‚Leo‘ ist das größte Pferd, das wir haben…“

„Na toll!“, denke ich.

„Oh.“, sage ich.

„Oh.“, sagt der Göttergatte.

„Jaaaa! Das größte Pferd von ALLEN!“, freut sich der Thronfolger.

Gleich geht es los mit dem Herbst-Ausritt, der Thronfolger hat einen funkelnden blauen Reiterhelm bekommen und lässt sich todesmutig auf Leo hieven. Der Göttergatte steht links vom Pferd und ich stehe rechts. Wir können uns nicht sehen, das Pferd ist zu groß.

„Alles klar?“, rufe ich.

„Alles klar!“, rufen meine Männer.

Puh.

„Mama, wenn das Pferd rennt, musst Du einfach nebenher rennen, ne?“, erklärt mir der Thronfolger.

Hmpf.

Unser Trupp setzt sich in Bewegung und ich muss mich mit meinen kurzen Beinchen tatsächlich sehr beeilen, um Schritt zu halten. Der Thronfolger sitzt mit leuchtenden Augen und verschmitztem Lächeln hoch oben auf seinem Leo. Ich finde, die beiden geben ein erhabenes Bild ab und ich kann gar nicht glauben, wie mutig mein Sohn ist. Der Göttergatte und ich begegnen uns bei einem Engpass hinter dem Pferd und blicken uns an, wie nur stolze Eltern sich anblicken können. Dann fällt uns ein, dass ‚hinter einem Pferd‘ kein sicherer Ort ist und unsere Wege trennen sich wieder.

Ich lausche dem Trapptrapp der Pferdehufe und genieße die bunten Blätter in der Herbstsonne. Ich denke darüber nach, wie schön dieses Hufgetrappel klingt.

Ich komme zu dem Schluss, dass Reiten, Billard* und Pingpong, die akustisch schönsten Sportarten sind.

Auf dem Weg zurück zum Auto schläft der Thronfolger auf den Schultern des Göttergatten ein. Es sieht herzerweichend aus, wie er sich noch im Schlaf mit seinen kleinen Händen im Haarschopf meines Mannes festhält. Kein Wunder, dass der so mutig war, denke ich. Leo und mein Mann haben fast die gleiche Schulterhöhe, im Prinzip reitet mein Sohn, seit er sitzen kann.

Ein schöner Tag geht zu Ende und ich frage mich, ob ich nicht auf meine alten Tage noch reiten lernen sollte. Ich hätte jetzt nicht übel Lust, wie Lucky Luke, dem Sonnenuntergang entgegen zu reiten…

 

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

 

*Ja, die geneigte Leserschaft kann es ruhig glauben: Billard – dieses Spiel mit den Kugeln auf dem grünen Filztuch-Tisch mit den Löchern – wird wirklich so geschrieben! Ich habe es im Duden nachgeschlagen! Es gehört zu den „rechtschreiblich schwierigen Wörtern“. Es gibt eine offizielle „Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter“! Die geneigte Leserschaft kann hier einmal hinklicken und sich ordentlich wundern!

http://www.duden.de/schwierige-woerter#O

Vor allem habe ich mich gewundert, dass auch Unmengen von Wörtern darauf stehen, die ich als unendlich einfach empfinde. Zum Beispiel ‚Autor‘, ‚Kuss‘ oder ’spülen‘ → ?!

Hier ein Beispieltext , den ich erarbeitet habe, um ihn bei Gelegenheit meiner Familie zu diktieren:

Heute Morgen krakeelte ich vor Wut: „Ich werde dich am Schlafittchen packen!“, aber eigentlich ging es nur um eine Lappalie. Voraussichtlich werde ich erst mal eruieren, inwieweit ich das in puncto ‚persönliche Ressourcen‘ wirklich als katastrophal erachte.

In jedem Fall werde ich Rückgrat zeigen.

Vor Kurzem wurde ich sogar kopfüber Mitglied des Chrysanthemen-Komitees. Ich habe prophylaktisch mein Portemonnaie versteckt…

Advertisements
„Die Sternennacht“ hat mir immer am besten gefallen...

„Ich möchte Bündigeres, Einfacheres, Ernsteres, ich möchte mehr Seele und mehr Liebe und mehr Herz.“ (Vincent van Gogh, Briefe)

Sehr geehrte Leserschaft,

wenn Eine eine Reise tut, dann kann sie was erzählen!

Ich bin zwar „nur“ nach Berlin gefahren aber trotzdem randvoll mit Eindrücken, die jetzt erstmal in Ruhe verarbeitet werden wollen. Vieles brodelt in mir und wie immer, wenn ich auf Reisen bin, fasse ich den festen Vorsatz, mein Leben zu ändern.

Diesmal will ich das Ganze aber professioneller angehen, damit nicht wieder alles nach wenigen Wochen im Sand verläuft! Mit dem Göttergatten habe ich bereits einen Termin für einen Konzeptionstag vereinbart. Wir bringen den Thronfolger liebevoll irgendwo unter und widmen uns an einem Sonntag von 10 bis 18 Uhr einmal ganz konzentriert und reflektiert nur unserer „Art zu leben“. Wir werden Rahmenbedingungen und Zielvereinbarungen treffen. Wir werden uns messbare und machbare Maßnahmen überlegen. Vielleicht machen wir sogar eine teambildende Gruppenübung.

Für den ersten familieninternen Konzeptionstag (ich werde als Abkürzung „FaminKo“ vorschlagen) haben wir uns als Thema „Ordnung und Geld“ ausgesucht. FaminKo gefällt mir gut, das klingt wie Flamingo und Flamenco!

Flamenco ist ja eine recht spannende Musik und somit der perfekte Soundtrack, wenn Eine ihr Leben ändern will – ich bin sehr gespannt!

Und jeder mag doch Flamingos!

Die geneigte Leserschaft darf jetzt mal in Flamenco-Träumen schwelgen:

Ich habe ja einen Hang zum Chaos. Ich finde das ausdrücklich nicht nur schlecht.

Man stößt darin auch oft zu ungeahnten Zeiten auf unerwartet inspirierende Dinge.

Ich sammle Andenken wo ich gehe und stehe. Ich habe Sorge, dass ich sonst zu viel vergesse.

Ich hebe auch vieles auf, weil ich es eventuell noch einmal brauchen werde oder weil es schlicht zu schade zum wegwerfen ist. Gleichzeitig mache ich mir nicht viel aus Geld. Ich würde es stets eintauschen gegen unbeschwerten Müßiggang oder die Verwirklichung wichtiger Projekte.

ABER: Wenn ich einem Minimalismus und einer Ordnung begegne, die Luft und Leichtigkeit vermittelt, dann werde ich ganz verzückt… wenn ich sehe, welche Ziele man sich mit klug investiertem und beizeiten gesparten Geld ermöglichen kann, dann will ich den Müßiggang vielleicht doch lieber auf später verschieben…

Diese blöden Arbeit/Müßiggang Sicherheit/Freiheit zweischneidigen Dinge immer!

Diese blöden Arbeit/Müßiggang Sicherheit/Freiheit zweischneidigen Dinge immer!

Ich finde es sehr schwer, da die perfekte Balance zu finden. Aber eines steht jetzt erstmal fest:

Ich möchte kommerzielles Abrüsten betreiben. Also: weniger kaufen. Weniger haben, mehr reparieren und mehr tauschen, verschenken, verstecken oder entsorgen.

Und vielleicht ganz altmodisch Geld sparen. Darf man das eigentlich wieder? Lange Zeit hatte ich das sichere Gefühl, dass ich mein Geld besser zu Konfetti verarbeiten könnte, bevor ich es zur Bank bringe, dann hätte man damit wenigstens noch eine gehörige Portion Spaß haben können…

Eigentlich habe ich doch ohnehin eher immaterielle Wünsche und schließe mich dem Wunschzettel Van Goghs beinahe ausnahmslos an:

Mehr Seele. Mehr Liebe. Mehr Herz. Das war schon immer meins! Da bin ich sowieso voll dabei.

Bündigeres. Einfacheres. Das ist tatsächlich neu für mich. Das sind ganz neue Bedürfnisse und Sehnsüchte aber dafür habe ich doch sicher einen Platz in meinem Leben.

Ernsteres. Ich brauche ehrlich gesagt nichts Ernsteres. Ich tendiere eher dazu, die Dinge zu ernst zu nehmen. Aber fünf von sechs sind schon ok, kein schlechter Schnitt.

Dieser Van Gogh!

„Die Sternennacht“ hat mir immer am besten gefallen...

„Die Sternennacht“ hat mir immer am besten gefallen…

Mit freundlichen und doch ernsten Grüßen,

Fräulein Bork

P.S.: Was wäre das für ein Ende, wenn wir nicht doch noch ein paar Flamingos sehen würden?

Hier sind sie: wunderbar und alle in Tanzlaune!

„Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß. Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Sehr geehrte Leserschaft,

in den letzten Tagen denke und verwende ich ein bestimmtes Wort mit immenser Häufigkeit! Das Wort heißt „eigentlich“.

Ich weiß nicht, ob ich das gut finde.

Vor 15 Jahren – als ich noch jung und voller Energie war – war mein Lieblingswort: „sowieso“! Meine allererste Email-Adresse (damals, als ich noch kein Internet zuhause hatte, und mir in einem Internetcafé zu meinem reinen Amüsement so ein lustiges Internet-Postfach zulegte und alle paar MONATE nachsah, ob jemand geschrieben hatte) lautete „sowiesohanna@…“ (ich war damals ziemlich sauer, dass irgendjemand anderes schon hanna@… belegt hatte. Von all den 100 Leuten im Internet! Ausgerechnet!). Ich war Sowiesohanna! Passte sogar noch besser.

Und jetzt bin ich eigentlichhanna@selbstzweifel.de, oder was?!

Haha! Ich habe gerade einmal nachgeschaut und www.selbstzweifel.de gibt es tatsächlich! Schön.

Die Seite ist der Eingang zu einer anderen Seite. Die andere Seite ist aber verwaist, seit 2007. Wahrscheinlich wegen der Selbstzweifel. Oder aber wegen der mangelnden Resonanz. Man weiß es nicht. Eigentlich schade.

Aber ich kann es verstehen. In Zeiten in denen Zeit immer knapper wird denkt man sich irgendwann: wieso mache ich das eigentlich?Wenn dann das Leben keine guten Antworten parat hat, hört man eben auf.

Was bedeutet eigentlich „eigentlich“?

Eigentlich eine gute Idee.

Eigentlich eine gute Idee.

Dazu müssen wir uns zuerst den Star des Wortes, nämlich „eigen“ anschauen. Das etymologische Wörterbuch sagt:

eigen Adj. ‘jmdm. (als Besitz) gehörend’, dann ‘einer Person oder Sache ausschließlich zukommend, für sie charakteristisch’ und daher auch ‘von besonderer Art, seltsam’, ahd. eigan (8. Jh.)“

Man hat dann irgendwann weiter gebastelt und ein „-lich“ angehängt. Das etymologische Wörterbuch sagt:

„mhd. eigenlich Adj. ‘eigentümlich, eigen, leibeigen, ausdrücklich’, eigenlīche Adv. ‘als Eigentum, ausdrücklich, bestimmt’“

Und zu guter Letzt hat man noch so ein „t“ mit hineingebracht, wie bei „öffentlich“ oder „ordentlich“, damit wir nicht alle ständig betrunken klingen, wenn wir sagen wollten: „eigenlich sind die öffenlichen Toilletten hier recht ordenlich…..“

Heute bedeutet es:

eigentlich Adj. ‘ursprünglich, wirklich’, als Adverb ‘in Wirklichkeit, genaugenommen’ und häufig partikelhaft ‘denn, überhaupt’“

Eigentlich ist also „eigentlich“ eine Art Rückbesinnung auf die Wurzel, auf den Kern, den Ursprung.

Seltsam. In der Bedeutungserläuterung erscheint das Wort irgendwie stark, ursprünglich, wirklich, das klingt überhaupt nicht so, wie ich es empfinde, wenn ich es sage.

„Eigentlich machen wir das nicht.“, sage ich zum Thronfolger, wenn er eine Kiste mit Bauklötzen umschmeißt. Eigentlich weiß ich, dass ich bereits verloren habe, wenn mir das Wörtchen „eigentlich“ herausgerutscht ist. Das lebt nämlich in wilder Ehe mit dem Zusatz „Aber sei’s drum!“

Eigentlich wollte ich abnehmen...

Eigentlich wollte ich abnehmen…

Ich glaube, diese Beziehung tut dem „eigentlich“ nicht gut. Ich werde die beiden jetzt trennen, die dürfen sich dann gerne wie Romeo und Julia vorkommen. Ich bin der Überzeugung, dass mein „eigentlich“ nicht mehr nur zaghaft fiepen sollte!

Ein „eigentlich“ darf sich stark machen! Ein „eigentlich“ darf auch mal auf sein Recht pochen und sagen: „Das ist wirklich nicht gut!“ oder „Das ist ausdrücklich so zu verstehen!“ oder „Das ist meine ganz ursprüngliche Art!“ und auch „In Wirklichkeit weißt Du selbst, dass Du nicht an Dir zweifeln brauchst!“

Eigentlich sind wir alle ganz schön großartig, wenn wir gut auf uns hören…

Könnten wir eigentlich öfter machen.

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

P. S.: Ich dachte immer, „Eigenbrötler“ heißen so, weil die in ihrem eigenen Saft brodeln und zu wenig Input von außen erhalten. Nun sagte mir das etymologische Wörterbuch, wie es sich wirklich und eigentlich verhält:

Eigenbrötler m., auch Eigenbrödler ‘Sonderling, Einzelgänger’, literatursprachlich seit dem ersten Viertel des 19. Jhs., zuvor im Alem. ‘einen selbständigen Haushalt führender Junggeselle’ (ursprünglich ‘wer selbst sein Brot bäckt’, vgl. mhd. eigen brōt ‘eigenes Hauswesen’ und frühnhd. einbrodig ‘sein eigenes Brot, seinen eigenen Herd habend’, 15. Jh.).“

Wieder was gelernt!

„Wer sich leicht ablenken lässt, muss viele Umwege in Kauf nehmen.“ (Ernst Ferstl)

Sehr geehrte Leserschaft,

in letzter Zeit hatte wieder viel zu erledigen und vieles zu bedenken. Und viele Termine hatte ich ebenso. Daher ging ich neulich pflichtbewusst schon einmal die Termine für die folgende Woche in meinem Terminkalender durch. Ich fand einen Eintrag für Dienstag. Da stand: „12:00 Uhr“.

Aber leider stand da nicht, was um 12:00 Uhr stattfinden sollte oder mit wem. Hm.

Ich hasse so etwas.

Je näher der Dienstag kam, desto unruhiger wurde ich. Jeden, der mir begegnete, fragte ich: „Sind wir vielleicht am Dienstag verabredet oder weißt Du vielleicht, was für ein Termin das sein könnte?“ Niemand wusste etwas.

Ich forschte in alle Richtungen. Eine komische Uhrzeit, zu sehr Mittagspause für einen offiziellen Termin, oder? Vielleicht war ich zum Essen verabredet. Vielleicht zum telefonieren. Hm.

Fräulein Bork hat viele Termine, da verliert man schon mal den Überblick...

Fräulein Bork hat viele Termine, da verliert man schon mal den Überblick…

An besagtem Dienstag saß ich schließlich um fünf vor zwölf völlig resigniert an meinem Schreibtisch. Vor mir hatte ich alle aktuellen geschäftlichen Vorgänge ausgebreitet, falls ich einen Telefontermin vereinbart haben sollte. Die Wohnung hatte ich vorsichtshalber sauber gemacht und aufgeräumt, nur für den Fall, dass ich eine Einladung zum Mittagessen ausgesprochen haben sollte. Ich hatte mir auch schon überlegt, was ich auf die Schnelle kochen könnte, wenn es zu einem Besuch käme: Gemüse-Couscous mit Räuchertofu und Rucola-Salat mit Pilzen und Mango. Ich war auch schon ziemlich hungrig.

12 Uhr.

Nichts passiert. 12:05 Uhr. Nichts.

12:15 Uhr. Puh. Hoffentlich sitzt nicht gerade irgendwer irgendwo und wartet auf mich. Sowas Blödes!

Ich schaue mir You-Tube-Videos an, bis 12:30 Uhr, dann mache ich mir etwas zu essen. Niemand hat angerufen, Niemand ist gekommen. Vielleicht war das ja auch ein fehlerhafter Eintrag und ich hatte einfach nur vergessen, ihn durchzustreichen.

Auch der Mittwoch bleibt folgenlos. Ebenso der Donnerstag. Mein Herz fühlt sich schon wieder leichter an. Dann der Freitag. Die Kinderarztpraxis ruft an: „Fräulein Bork, Sie hatten ja am Dienstag einen Termin zur Zeckenimpfung für den Thronfolger. Den haben Sie aber leider nicht wahr genommen…“

„Oh Gott!“ So ein Mist! Wir haben den Wanderurlaub schon gebucht und so einen Zeckenimpfung braucht Wochen, bis sie richtig fertig ist. Mist Mist Mist! Eine Woge des verletzten Mutterperfektionismus überrollt mich. Wie konnte ich nur den Termin verpassen?!

Ich vereinbare einen Nachholtermin. Vielleicht ist eine halbe Zeckenimpfung besser als gar keine. Und schließlich hatte der Kleine ja auch überhaupt noch nie eine Zecke. Tief durchatmen! Okay.

Wenigstens ist die Wohnung jetzt richtig schön sauber und aufgeräumt, da hatte das alles auch sein Gutes.

Am nächsten Tag besuchen der Göttergatte und ich ein Seminar, danach geht es mit dem Thronfolger zu einem Kindergeburtstag, danach gehe ich noch zum Fest einer lieben Freundin, ich trinke Wein und lache über mein Termin-Chaos. So etwas!

Als ich spät nachts wieder in die heimische Wohnung tapse, empfängt mich der Göttergatte: „Fräulein Bork, der Kleine hatte heute seine erste Zecke!“

„Oh Gott!! Das ist ja schrecklich! Und dramaturgisch total ausgefeilt!“, rufe ich erschrocken. Da will mir doch das Leben gerade irgendwie was sagen! Aber ich bin jetzt viel zu besorgt und viel zu müde und viel zu beschwipst, um das auszutüfteln.

Ich falle ins Bett und fühle mich schrecklich.

Manchmal wächst mir alles über den Kopf... was will mir das Leben sagen?

Manchmal wächst mir alles über den Kopf… was will mir das Leben sagen?

Am nächsten Morgen, bei Milchkaffee und Honigwaffel, wird mir klar, was das Leben mir sagen wollte: Ich muss mich besser konzentrieren, wenn ich Termine in meinen Terminkalender eintrage!

Danke, liebes Leben. Das musste mal gesagt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

Schilder regeln unser analoges Leben – und ich will Ihnen vertrauen können!

„Geduld ist der Seele Schild.“ (Deutsches Sprichwort)

Sehr geehrte Leserschaft,

„Hallo“, sage ich in den Hörer, „Ich hatte ein Anruf-Sammel-Taxi bestellt und irgendwie kommt es nicht und es ist unglaublich gruselig hier, alle Leute sind weg, ich bin ganz alleine hier an der Haltestelle und es ist kalt und dunkel und ich wollte einfach fragen, ob es noch kommt oder ob es da ein Problem gibt.“

„Ja, wo waren Sie denn?!“

„Wie, wo war ich denn?! Ich war hier. Die ganze Zeit.“

„Nein.“

„Doch.“

„Der Fahrer sagt, Sie sind nicht zum Taxistand gekommen.“

„Nein. Ich stehe seit 20 Minuten an der Haltestelle für das Anruf-Sammel-Taxi (AST) 38, weil ich das AST38 für vor 10 Minuten bestellt habe. Da scheint es doch logisch, an der Haltestelle zu warten, direkt neben dem Schild wo AST38 drauf steht!“

„Die Sammeltaxis fahren aber nicht von den Haltestellen, sondern immer vom Taxistand.“

„?!“

„Ok, ist ja jetzt auch egal. Bleiben Sie wo Sie sind, ich schicke den Kollegen nochmal zu Ihnen.“

„Ich stehe direkt neben dem Schild.“

„Ja.“

„Von wegen: ’nochmal’…“

Fünf Minuten später bin ich komplett durchgefroren.

Der Taxifahrer kommt und sagt, als ich die Tür öffne: „Ich habe wirklich lange gewartet!“

Ich bin schon ziemlich schmallippig: „Ich war die ganze Zeit hier. Hier, wo das Schild steht. Hier, wo der Fahrplan hängt. Hier, wo die designierte Haltestelle ist!“

„Aber die Sammeltaxis fahren immer vom Taxistand.“

„Aber da war kein Schild.“

„Aber wir machen das immer so.“

„Aber woher soll ich das wissen? Woher sollen die Leute das denn wissen?“

„Wir machen das immer so. Nächstes Mal wissen sie es.“

Schilder regeln unser analoges Leben – und ich will Ihnen vertrauen können!

Schilder regeln unser analoges Leben – und ich will Ihnen vertrauen können!

„Hm.“ Ich steige ein. Ich bin total sauer aber ich will nach Hause und endlich nicht mehr frieren. Ich setze mich nach hinten ins Taxi und merke erst da, dass ich mir die Rückbank mit der unfreundlichen Frau mit dem süßen kleinen Hund teilen muss, die bei mir um die Ecke wohnt.

Na toll!

Unfreundliche Menschen sollten überhaupt keine niedlichen Hunde haben. Damit ist niemandem gedient. Wenn man nicht angesprochen oder angelächelt werden möchte, ist es einfach ungünstig einen knuffeligen, lebensfrohen Welpen mitzuführen. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe ein überaus niedliches Kind und ich werde auch permanent von Fremden angesprochen. Ist meistens gar nicht so schlimm. Oft gibt es sogar Geschenke für den Thronfolger. Neulich hat ihm ein netter Mann 30 Edelstahl-Grillspieße geschenkt. Etwas verwirrend, aber der Göttergatte, als einer der beiden rechtmäßigen Vermögensverwalter unseres Sprösslings, hat sich sehr darüber gefreut.

Ich bin immer noch sauer auf das Taxiunternehmen. Ich bin recht Schilder-folgsam. Ich parke nicht da, wo man nicht parken darf, ich füttere keine Enten, die ich nicht füttern soll und ich warte auf öffentliche Verkehrsmittel an den gottverdammten dafür vorgesehenen Haltestellen.

Ich hasse es, wenn die Dinge nicht so ablaufen, wie sie sollten. Dabei ist der Taxistand tatsächlich ein wesentlich besserer Abfahr-Punkt für das AST38. Längst nicht so weit weg vom S-Bahnsteig und längst nicht so nah am Waldrand, also wesentlich weniger gruselig. Ich bin ja nicht für eine sture Regelbefolgung, nur um der Regel willen, aber eine Neuerung sollte doch ordentlich und nachvollziehbar eingeführt werden.

„Malen Sie doch ein Schild.“, sage ich zum Sammel-Taxi-Fahrer, „’Abfahrt AST38 hier.’“

„Aber alle Leute wissen das.“, sagt der. Die unfreundliche Frau und der süße Hund nicken.

„Es kann doch nicht sein, dass ich die Einzige bin, die an der offiziellen Haltestelle gewartet hat.“, rufe ich. Betretenes Schweigen. Ich bin überzeugt, dass diese Menschen keine Ahnung von der Dunkelziffer der Leidtragenden haben. Es ist ja nicht jeder so kommunikationsfreudig wie ich.

Ich bin wohl gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen…

Fräulein Bork regelt mit einem kleinen Schild die Welt zum Besseren...

Fräulein Bork regelt mit einem kleinen Schild die Welt zum Besseren…

Vielleicht mache ich demnächst eine Crowdfunding-Aktion für ein wetterfestes, ordentliches Schild.

Mit wegweisenden Grüßen

Fräulein Bork

P.S.: Hier noch mein neues Lieblingsschild:

so wahr!

so wahr!

Ich glaube, Schilder sind mein neues Hobby.

Wer ein schönes oder lustiges Schild fotografiert hat, sendet es bitte an: post @kopflichter.de

Es wäre mir ein inneres Kirschblütenfest!